Auf der Anrichte steht ein Bild von dir. Alt und vergilbt, in einem Rahmen aus billigem Holz. Du stehst dort und blickst mit schwarz-weißen Augen auf mich herab. Du stehst schon immer dort. Als Patron, an welchen ich so oft denke, an den ich schon tausende Worte gewendet habe, mit dem ich aber niemals Antworten tauschen durfte. Was wäre wenn, ich damals dort gesessen hätte, in dem kalten sterilen Raum und gewartet hätte? Einfach nur gewartet.

Der Tag ist schön, warm und hell. Aber irgendwie dennoch verschwommen. Zumindest erscheint es mir in meinen erdachten Rückblicken oft so. Als hätte jemand einen lausigen verschmierten Sepia-Filter über meine erdachten Erinnerungen gelegt.


Stühle aus Holz. Helle Fliesen. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Erbrochenem, welcher in die Wände eingezogen zu seien scheint. Genauso wie du hier eingezogen zu seien scheinst. In Rekordzeit. In Minuten. In einem einzigen Moment, der dich von mir, von uns trennt, wie die Tür. Jedes Krankenhaus ist gleich. Nur dieses hier, dieses hier ist besonders. In diesem Krankenhaus liegst du. Vielleicht sogar hinter der Tür da.


Meine Mutter sagt immer, ich erinnere sie an dich. Du warst bestimmt schwierig, sagen die Anderen. Für mich warst du das nie. Du warst ganz einfach, nur einfach nicht da. Nichts davon ist deine Schuld. Schuld hat nur das blöde Schicksal.


Die Tür mit den milchigen Glasscheiben und der gefährlich wirkenden Aufschrift »Nur für Personal. Kein Durchgang.«, trennt uns. Fast fühle ich mich angeschrieen. Angeschrieen von der Tür, den unfreundlichen Mitarbeitern. Aber vor allem von der Stille. Der Stille meiner Familie. Jeder Einzelne auf einem der billigen Holzstühle im Wartezimmer sitzend, die Ellenbogen auf die Knie gestützt oder wahlweise mit verschränkten Armen, als würden sie versuchen alles abzuwehren – wie bockige Kinder. Als Kinder sind sie bestimmt alle bockig gewesen. Meine Onkel und Tanten. Meine Eltern. Meine Cousins und Cousinen. Alle sind sie bockig gewesen. Jetzt ist nicht der Moment um bockig zu sein. Jetzt ist der Moment zum hoffen und zum ängstlich sein.

Keiner schaut den Anderen an. Ich gebe mir aber auch keine besondere Mühe überhaupt irgendwo hinzuschauen. Ich lasse mich von den Gerüchen ablenken und von dem rhythmischen Kratzen eines Stifts – aus dem Schwesternzimmer kommend – einlullen. Hin und wieder hört man ein Seuftzen oder ein Schniefen. Der Eine oder Andere weint ganz leise. Platsch, hört man die Tropfen auf den Boden aufschlagen. Viel lauter als erwartet. Oder höre nur ich gerade alles viel lauter in meinem Kopf, als der Ton im Raum wirklich erklingt? Bilde ich mir jetzt Dinge ein? Hören die anderen die Tränen etwa nicht? Wessen Tränen sind das überhaupt? Sind es deine? Hör ich überhaupt etwas von dir? Sollte ich etwas hören? Platsch, wieder der Aufschlag von Wasser auf harten Grund. Meine Tränen.
Das geht jetzt schon seit Stunden so. Keiner Bewegt sich mehr als nötig, nur das Fallen, das Kratzen und das Schnäuzen.

Eigentlich war ich niemals da.

Weiße Gummilatschen, weißer Kittel, Stetoskop. Unbemerkt hat die Ärztin sich aus der schreienden Tür geschlichen und steht nun anklagend vor uns.
»Gehen Sie nach Hause.«, sagt sie und wendet sich zum Gehen.
»Aber…«, setze ich an und werde wüst unterbrochen.
»Wir melden uns. Gehen Sie nach Hause.«

Jetzt blicken wir uns an, mit offenen Mündern, verzweifelten Mienen und sprachlosen Köpfen. Wir blicken der persongewordenen Unfreundlichkeit hinterher, hören wie ihre Schuhe über den Bodenbelag quietschen.
Niemand sagt etwas, bis die Tür zurückgleitet und lautlos weiter schreit »Nur für Personal.«.
Platsch, Oma weint.

Du bist kein Personal. Warum bist du dann hinter der Tür?
Der Unfall, ganz richtig. Der Unfall. Du bist Unfallpersonal.


Eigentlich war ich niemals da. In diesem Krankenhaus. In dem Wartezimmer. In dem Moment, der mehr verändert hat, als jedem hätte bewusst sein können. Ich denke mir das alles aus. Immer wenn ich an dich denke, muss ich mir die Erinnerungen, welche uns verbinden könnten, ausdenken. Oft denke ich mir ganze Szenen aus. Was wäre wenn? Wie wäre es gewesen? Hätte alles nicht einfach anders, anders einfach oder besser seien können? Aber vor allem: Welche Erinnerungen hätten wir gemeinsam in den letzten Momenten erschaffen können, selbst wenn die Zeit so beschränkt gewesen wäre? Ein paar Minuten hätten mir gereicht. Hätte mir die Suche erspart, oder in Retrospektive Fragen beantwortet, die ich mir niemals hätte stellen müssen.


Ich darf in das kleine Zimmer. Das Fenster steht offen. Wir schließen die Welt und uns nicht weiter aus. Wir hören das Rufen der Kinder und den Wind. Der Wind, der den Geruch des Krankenhauses, gegen den Duft austauscht, der mich an dich erinnert. Brennendes Holz, frisch gemähtes Gras und nach dem Staub in deiner alten Werkstatt.

Du siehst friedlich aus, wie du dort liegst und schaust. Wach und ganz einfach. Einfach da. Wir sprechen. Über Alles. Über Nichts. Über Uns. Über mein Leben, darüber was dein Leben hätte sein können.

Die kleine Schramme wirst du ja wohl schon überstehen, da müsse schon was Schlimmeres passieren, sagst du. Geh ruhig schon nach Hause. Die Muddi hat schon Kuchen gebacken. Wie jeden Sonntag, mit Mohn, oder den Erdbeeren, die du so liebst. Die Geräte summen mir viel zu Laut in den Ohren. Ich will nicht gehen. Ich will nicht aufhören mir die Momente einzubilden. Dennoch stehe ich auf, ohne aufzublicken und lasse dich hinter mir zurück. Ich weiß ja, dass ich immer wieder zurückkomme. Zurück in den Moment. Ihn Abspule wie einen alten Film. Bis die Ränder am Bildschirm flimmern und die ersten Minuten nur flackern, weil der Film schon viel zu oft zersehen wurde.

An der Tür drehe ich mich um und lächle dir noch einmal zu. Du lächelst zurück und hebst die Hand ein paar Zentimeter, über die gepunktete Decke, zum Abschied. Mir wird ganz warm ums Herz. Nicht genug um die kalte Realität zu schmelzen. Deine Augen lächeln nicht. Deine Augen flüstern ganz Leise einen Abschied.
»Hey.«
»hmm?«, Antworte ich.
»Pass gut auf dich auf.«


Ob du wohl stolz wärst?

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